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Kultur und Bildung

30.10.2017 - Artikel

Stand: Oktober 2017

Kultur

Kultur hat in Belarus traditionell einen hohen Stellenwert. Charakteristisch für das kulturelle Leben ist die überwiegend staatlich gesteuerte Suche nach einer eigenen belarussischen Identität zwischen den polnisch-katholisch geprägten westlichen Landesteilen und den russisch-orthodox beeinflussten östlichen Gebieten. Dem dient auch das für 2016 ausgerufene 'Jahr der belarussischen Kultur'. Ein modernes Kunstverständnis, das auch kritische Töne gegenüber Politik und Gesellschaft einschließt, hat nur geringe Entfaltungsmöglichkeiten. Der Literaturnobelpreis 2015 für die belarussische Schriftstellerin und Journalistin Swetlana Alexijewitsch hat wie selten zuvor den Blick auf die schweren Traumata der Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Identitätsfragen nicht nur der belarussischen sondern der gesamten post-sowjetischen Gesellschaft gelenkt. Traditionelle Kunstgattungen und Darbietungen werden staatlich gefördert und erfreuen sich hoher Beliebtheit. In jüngster Zeit wird dem Belarussischen mehr Beachtung geschenkt, ohne bislang die Dominanz des Russischen zu gefährden. Sowohl Belarussisch als auch Russisch sind offizielle Amtssprachen.

Die kulturellen Aktivitäten konzentrieren sich - von Ausnahmen in den fünf Provinzhauptstädten abgesehen - im Wesentlichen auf die Hauptstadt Minsk. Dort ist der Kulturbetrieb trotz wirtschaftlicher Probleme vielfältig und - insbesondere in den klassischen Kunstformen Musik, Theater und Ballett - auf qualitativ ansprechendem Niveau. Daneben existiert eine überschaubare unabhängige Kunst- und Kulturszene, die jedoch unter steter Beobachtung und Kontrolle staatlicher Organe steht. In den ländlichen Gebieten steht die Pflege des regionalen Brauchtums im Vordergrund.

Staatliche wie nicht staatliche Kultureinrichtungen leiden oft unter unzureichender finanzieller Ausstattung, die nur begrenzt Gestaltungsmöglichkeiten zulässt. Hinzu kommen reglementierende Vorgaben, Kontrollen und Auftrittsverbote durch die Behörden, von denen kritisch-kreative Künstler willkürlich betroffen sind.

Zur Überwindung der Unterschiede im Kulturleben zwischen Zentrum und Peripherie wurde erstmals 2010 vom Kulturministerium der Titel 'belarussische Kulturhauptstadt' an die Provinzstadt Polozk vergeben, eine auf das Mittelalter zurückgehende Stadt im Norden des Landes. Polozk wird in belarussischer historischer Betrachtung als Wiege belarussischer Staatlichkeit bezeichnet. 2011 folgte als Kulturhauptstadt die 1142 gegründete Stadt Gomel im Südosten des Landes. Kulturhauptstadt 2012 war Neswisch, eine Kleinstadt ca. 80 km südwestlich von Minsk, deren Hauptsehenswürdigkeit ein renovierter Schlosskomplex ist. 2013 war die im Osten gelegene Provinzhauptstadt Mogiljow (erstmals erwähnt 1267) Kulturhauptstadt von Belarus und gleichzeitig mit Gabala (Aserbaidschan) und Gyumri (Armenien) eine von drei Kulturhauptstädten der GUS. 2014 ging der Titel der Kulturhauptstadt an die fünftgrößte Stadt des Landes, Grodno, in der Nähe des Länderdreiecks Belarus, Polen, Litauen. Die sehenswerte Altstadt von Grodno bewirbt sich um Aufnahme in die UNESCO Liste des Weltkulturerbes. 2015 wurde Brest zur Kulturhauptstadt erkoren, 2016 das 1388 erstmals erwähnte Molodetschno. 2017 hatte die vor allem als bedeutender Industriestandort bekannte Stadt Bobruisk den Titel als Kulturhauptstadt von Belarus übernommen, 2018 ging der Titel an das erst 1958 gegründete Novopolozk.

Zur Förderung der belarussischen Kultur im Ausland wurde beim Kulturministerium im Juni 2010 ein Beirat für Angelegenheiten im Ausland lebender Belarussen geschaffen, der sich aus Vertretern der Regierung, der Zivilgesellschaft sowie im Ausland lebender Belarussen zusammensetzt. Aufgabe des Rats ist die Koordinierung kultureller Auslandsaktivitäten. Ergänzend ist der Aufbau eines Netzwerks belarussischer Kulturzentren im Ausland geplant, so auch in Berlin.

Bildung

Mit der im September 2008 in Kraft getretenen Bildungsreform wurde die Schul­ausbildung von zwölf auf elf Jahre verkürzt. Dies führte unter Anderem zur Abschaffung des erweiterten Unterrichts in einzelnen Fächern (sogenannte Profilklassen), wobei insbesondere der Sprachunterricht gekürzt wurde. Deutsch ist nach Englisch die am häufigsten unterrichtete Fremdsprache (mit Stand 2015: 110.000 Deutschlernende oder 14,7% aller Schüler).

Im Hochschulbereich (54 Hochschulen, davon 9 private) werden Reformen zur Heranführung des Bildungssystems an gesamteuropäische Bildungsstandards durchgeführt, z.B. durch Verkürzung der Studienzeit von 5 auf 4 Jahre. Die Gliederung des Hochschulstudiums erfolgt an einigen Hochschulen bereits traditionell nach dem europäischen Stufenmodell, an anderen nach dem bisherigen Diplommuster oder nach eigenen Modellen. Belarus wurde im Mai 2015 als neues Mitglied in den Europäischen Hochschulraum (Bologna-Prozess) aufgenommen. Dabei wurde eine sogenannte 'Road-Map' vereinbart, deren Umsetzung Verbesserungen in wichtigen Teilbereichen des universitären Betriebs vorsieht.

Bislang erhebt der Staat Anspruch auf eine umfassende Steuerung von Bildungseinrichtungen und -inhalten. Staatliche Eingriffe beklagen vor allem die nach der Unabhängigkeit entstandenen nicht-staatlichen Institutionen. Der mit hoher Erwartung angekündigte und Ende 2010 verabschiedete neue Bildungskodex ist in erster Linie eine Zusammenfassung bereits bisher gültiger Gesetze und Verordnungen. Grundlegende Neuerungen gehen von ihm nicht aus. Die Straffung von Studiengängen sowie deren inhaltliche Anpassungen an die im Laufe der Jahre geänderten wirtschaftlichen und sozialen Anforderungen sind aktuelle politische Herausforderungen an das Hochschulsystem des Landes.

2004 entzog das belarussische Bildungsministerium der nicht-staatlichen Europäischen Humanistischen Universität Minsk (EHU) die Lizenz zur Hochschulausbildung. Für die Entscheidung wurden formelle Gründe genannt. Ausschlaggebend dürfte jedoch die enge internationale Vernetzung der EHU und ihr an modernen westlichen Bildungsstandards orientiertes Ausbildungsangebot gewesen sein. Die EHU fand 2005 mit internationaler Unterstützung in der litauischen Hauptstadt Wilna einen neuen Standort.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.

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